Stadt auf Augenhöhe – Tina Saaby und Frauke Gerstenberg sprechen bei Design for debate #3 über eine menschengerechte und visionäre Stadtplanung

Wir befinden uns mitten im Kieler Winter. Am 11. Dezember 2019 ist es eisig und das Sonnenlicht verabschiedet sich bereits um 16:30 Uhr. Zwei Stunden später ist es stockfinster. Trotzdem: Jeder einzelne Stuhl, selbst einer, der noch schnell in die letzte Ecke gequetscht wurde, von der aus man kaum etwas sehen kann, ist besetzt. Zusätzlich stehen Menschen an den Seiten des Raumes und blicken gen Rednerpult. Wer ihr Interesse so sehr schürt? Die gemeinsamen Gäste der Raumstrategien und des Muthesius Transferparks, Tina Saaby und Frauke Gerstenbergmit ihrem Thema „Feeling the city – How do we create cities for and with people“. 

Passend zu den aktuellen Umbaumaßnahmen in der Kieler Innenstadt mischt sich Design for debate an diesem Abend in das Thema der Stadtplanung und -entwicklung ein. Saabys und Gerstenbergs Ansätze und Methoden unsere urbanen Lebensräume zu gestalten, sind alles andere als konventionell. Sie stellen ungewöhnliche Fragen und beantworten diese aus ihrem gestalterischen Kontext heraus auf ganz eigene Weise.

Tina Saaby hat zehn Jahre lang als Kopenhagener Stadtarchitektin gearbeitet und der Stadt zu ihrem heutigen Erscheinungsbild verholfen. Sie plädiert dafür, Städte für die Menschen und ihre Bedürfnisse zu bauen. Anstelle von modernistischer Optimierung und Planung des Stadtraumes, setzt sie den Fokus auf zeitgemäße Architektur, die unsere Sinneserfahrungen und unser Raumempfinden einbezieht. Schließlich riechen, schmecken, sehen und empfinden wir unsere Umwelt im Alltag anstatt sie gedanklich zu analysieren. Diesen Perspektivwechsel vom Denken zum Fühlen veranschaulicht Saaby an praktischen Beispielen: Häuser mit großen Fensterfronten lassen genügend Tageslicht ein, um Endorphine auszuschütten und unser Wohlbefinden zu fördern. Sie ermöglichen den Stadtbewohner*innen gegenseitige Blickkontakte und stärken das gesellschaftliche Zugehörigkeitsgefühl. Sie befürwortet Architektur, die den Aufenthalt im Freien fördert und berücksichtigt bei der Führung von Wegen und Straßen stets die menschliche Sichtachse. Die Architektin verlangt nach sauberer Luft zum atmen, der Begrünung tristloser Betonwüsten und nach öffentlichem, partizipativem Raum. Die Komplexität der städtebaulichen Planung wird bei ihr durch die gestalterische Diversität abgelöst: Sonnenplätze, urbane Gemeinschaftsgärten, aufregende Fahrradrouten, welche die gesamte Stadt durchziehen und dieser sogar zu einem ganz eigenem Ausdruck verhelfen. 

Gebannt von Saabys leidenschaftlichem Vortrag herrscht konzentrierte Stille als die nächste Rednerin nach vorne tritt. Auch Frauke Gerstenberg aus dem raumlabor Berlin schafft durch ihre raumstrategischen Interventionen einen neuen Blickwinkel auf Stadträume. In ihren Einzelprojekten wertet sie bereits vorhandene, aber kaum genutzte Architekturen auf. Sie erweckt unbelebte Geisterhäuser zu partizipativen Oasen des Wissensaustausches und Miteinanders. In ihrem Schaffen spielt der Mut zum Experiment und zum Zufall stets eine wichtige Rolle. Er sorgt für den nötigen Freiraum um Neues und Unerwartetes entstehen zu lassen. So wird der Transformations- und Entwicklungsprozess zu einem wichtigen Bestandteil einer jeden umbaulichen Maßnahme für eine menschenfreundlichere Stadt.
 
Die Kreation von positiv erlebbaren Stadträumen fesselt das Publikum mindestens ebenso wie die beiden Vortragenden selbst. Natürlich gibt es jetzt Fragen über Fragen. Moderiert von Prof.in Sandra Schramke diskutieren Stadtvertretende, Studierende, Professor*innen und Bürger*innen mit den Rednerinnen. Auch wenn sich das Thema auf weitere Städte übertragen lässt, sind sich alle einig, dass Kiel über ungenutzte Potenziale verfügt, die es auszubauen gilt. Von der Stimmung her hätte der Abend noch mal so lang sein können, aber irgendwann geht es dann doch inspiriert und motiviert zurück in die kalte Nacht.

Für die Studierenden der Raumstrategien geht es gleich am nächsten Tag weiter. Auf der Suche nach neuen Lösungsmöglichkeiten für die Entwicklung der Kieler Innenstadt ist die komplette Masterklasse für das gesamte Wintersemester 2019 in einen Leerstand der Flämischen Straße gezogen. Im labor 2042  forschen sie nach Konzepten und einer zukünftigen Vision von Kiel. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. 

14.02.2020 , ,

Muthesius Transferpark – Gestaltungsraum für Innovation


Der Muthesius Transferpark ist das Kompetenzzentrum der Kunsthochschule. Mit ihrem speziellen Wissen und ihrer Perspektive sind Gestalter*innen, Designer*innen, Raumstrategen*innen und Künstler*innen Impulsgeber*innen in jedem Innovationsprozess. Ganz gleich, ob es dabei um Produkte, Diskurse oder Veränderungsprozesse in Unternehmen, Institutionen oder in der Gesellschaft geht. Weil Transfer immer auch etwas mit Perspektivwechsel zu tun hat, haben wir bewusst Räume außerhalb der Kunsthochschule bezogen.

Transfer ist keine Einbahnstraße: Wir sorgen für den Austausch und für Kooperationen mit Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Mit unseren speziellen Projekt-, Veranstaltungs- und Qualifizierungsformaten verknüpfen wir die Kompetenzen aus verschiedenen Welten. Dabei verstehen wir uns auch als Übersetzer*innen für ein breiteres Verständnis von Design und Gestaltung. Denn hervorragendes Design ist viel mehr als ein Produkt. Es ist ein offener Prozess. Eine Methode, die den Anspruch an höchste Qualität ebenso braucht wie den Mut zum Scheitern, Verwerfen und wieder neu Losgehen – und die gerade darum besonders gut dazu beitragen kann, dass Innovationsvorhaben gelingen. Dass wir dies anbieten können, ist in Schleswig-Holstein etwas ganz Besonderes, denn wir sind die einzige Kunsthochschule im Land.

Transfer heißt bewegen, verändern, umsetzen

Lehrende und Studierende entwickeln jedes Semester Fragestellungen zu den aktuellen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Themen, sie erforschen und entwerfen Lösungen. In unserem Innovationslabor auf dem Anscharcampus können Entwürfe vertieft, weitergedacht und umgesetzt werden – als Transferprojekte in allen Themenfeldern, zu denen an der Kunsthochschule, auch interdisziplinär, gelehrt und geforscht wird. Dazu zählen Medical Design/Health Care, Demografie, Mobilität, Nachhaltigkeit/Klimaschutz, Digitalisierung, Wissenschaftskommunikation, Produktion der Zukunft, Zukunft der Innenstadt,

Zum Innovationslabor gehören Arbeitsräume sowie eigene Werkräume. Ausgestattet als moderne Werkstatt ist hier Raum für den Transfer von Ideen und Modellen in umsetzbare Strukturen. Wir beraten und begleiten Projektteams dabei, ihre Entwürfe zu hinterfragen, Gedanken zu vertiefen, mit Material zu experimentieren. Die Werkräume sind zugleich Vernetzungs- und Austauschraum. Experten*innen können hier die Fachkenntnisse ihres Gebietes mit anderen teilen und sich austauschen. Dies ermöglichen wir in wiederkehrenden Gesprächs- und Tüftelrunden zu bestimmten Themen, Materialien oder Werkzeugen als auch mit Fachvorträgen.

Hintergrund

Der Muthesius Transferpark wurde zum 1. April 2017 zunächst für fünf Jahre als Kompetenzzentrum bewilligt. Gefördert mit Mitteln der EU und des Landes Schleswig-Holstein, haben wir im Sommer 2017 unsere Arbeit aufgenommen. Wissenschaftliche Leiterin unseres interdisziplinären Teams ist Dr. Inge Schröder, Prof. Dr. Bettina Möllring leitet das Projekt auf Seiten der Kunsthochschule. Die Koordinatorinnen Anke Müffelmann und Susanne Kollmann verantworten Innovationslabor, Vernetzung sowie Qualifizierung und Internationalisierung, Tanja Lücker ist zuständig für Projektmanagement und Öffentlichkeitsarbeit. Die Werkräume liegen in den Händen von Tobias Gehrke, Susanne Martens ist zuständig für Finanzen und Personal. Projektpartner des Transferparks ist die Kieler Wirtschaftsförderung GmbH.

Fragen?

Dr. Inge Schröder
T +49 (0)172 / 420 230 8, E schroeder@muthesius.de