Muthesius Stories: Mit der Filmklasse auf der Berlinale

Berlin, Februar 2019. „Charlotte! HERE!“, tönt es aus der „Fan-Area“. Und Träume werden direkt wahr, Schauspielerin Charlotte Rampling schreitet auf den hektischen Haufen der Autogrammjagenden zu. Eine Unterschrift hier, eine galante Teppichpose da, in Ohnmacht fällt niemand. Es ist Berlinalezeit, Zeit des Blitzlichtgewitters am Potsdamer Platz, Zeit des gemeinsamen Schlange Stehens für Filmfachleute und -freund*innen aus aller Welt. Mit dabei: die Filmklasse der Muthesius Kunsthochschule samt Professor Stephan Sachs. Auf ihren Fersen entdeckt Anna Siebert vom Muthesius Transferpark ein ganz anderes Festival – und noch etwas mehr.

Experimentelle Filme in einem Krematorium – Berlinale mal anders 

Das Krematorium in Wedding. Grau, groß, außer Betrieb. Ein guter Ort für die Festivalsektionen „Forum“ und „Forum Expanded“, eigensinnig-experimentelle Filme jenseits des Mainstreams. Wer sich vom Potsdamer Platz, dem eigentlichen Zentrum der Berlinale, aufmacht, um die Filme dieser Spielstätte, die gern mit griffigen Titeln wie „Programm 10“ oder „Programm 8“ angepriesen werden, zu sichten, ist entweder mutig oder kennt sich aus, wie Filmprofessor Stephan Sachs. „Der Reiz des Experimentalfilms ist, dass man auch mal etwas nicht versteht und dann seinen eigenen Blickwinkel ändern muss.“ Seit 2005 ist Sachs Professor für Time Based Media an der Muthesius Kunsthochschule, die Berlinale verfolgt er seit den 80er-Jahren. Seine Studierenden profitieren davon, bekommen vor Anreise Infos zur Geschichte der Berlinale und organisatorische Kniffe mit auf den Weg. Während so manch einer den über 400 Filmen des Festivals am Ticketschalter verwirrt gegenübersteht, erreicht die Filmklasse täglich eine Rund-SMS mit Tipps ihres Professors. Heute: das „Programm 10“ im alten Krematorium, das nun ein temporäres Werkstattkino beherbergt. Dahinter verbirgt sich ein Langfilm rund um die fiktive Behörde „Labour Power Plant“, die darüber entscheidet, ob ein Mensch überhaupt Lohnarbeit nachgehen darf, ausreichend bereit ist, für einen Job alles zu geben. Inklusive Dialogen wie „What if I don’t want to sell myself? / Then you are afraid of investing your potential”, kreisenden Kamerabewegungen, allerlei Arbeitsallegorien und Ebenenspielen. Eine gute Wahl und zugleich ein Film, der es wahrscheinlich nicht zu einem Kinostart in Deutschland bringen wird. Stephan Sachs macht mit seiner Reihe „Perspektive Film“ immer mittwochs neben Klassikern genau solche Filme zugänglich. Zum Glück in Kiel.

Digital und analog oder „die harte Schule des Sachsschen Experimentalfilms“ 

Nächster Tag, nächste Rund-SMS, nächster Treffer im Filmdschungel: „Weitermachen Sansoucci“, eine rasante und humorvolle filmische Analyse des Wissenschaftsbetriebs. Inmitten der Potsdamer Platz Arkaden, einem großem Einkaufszentrum, das die üblichen Ketten beherbergt, finden Stephan Sachs und die Studierenden Linda Eich und Nina Hartmann Raum für eine anschließende Lagebesprechung. Neben Smartphones mit Berlinale-App thront das papierene Festivalprogramm auf dem Imbisstisch. Das Zusammenspiel von Digitalem und Analogem bewegt alle drei auch in ihren eigenen Arbeiten und Studien.

Linda Eich, Nina Hartmann, Professor Stephan Sachs und der Berlinale-Bär vor den Potsdamer Platz Arkaden.

Linda Eich und Nina Hartmann sind zwei von insgesamt zwanzig Studierenden der Filmklasse. Genau wie Stephan Sachs‘ Professur ist auch diese zwischen den Disziplinen angesiedelt, zwischen Freier Kunst und Kommunikationsdesign. Die Kursstruktur ist offen, Interdisziplinarität Alltag, auch aus dem Industriedesign stoßen immer wieder Studierende dazu, eine Trennung nach Semestern gibt es nicht. „Ehemalige schauen immer mal hinein. Im Studium entsteht ein Netzwerk, das einem erhalten bleibt“, beschreibt Linda Eich das Miteinander.

„Ich sage den Studierenden nicht, was sie tun sollen.“

Auch mit ihrem Professor ist der Umgang eher freundschaftlich als hierarchisch. „Die intensive Arbeit in kleinen Gruppen, auch hier auf der Berlinale, ist absoluter Luxus. Alles ist viel individueller als bei anderen Wissenschaften. Ich kann Stephan zum Beispiel nach jedem Film einfach löchern.“ Als Studentin von Kunst und Deutsch auf Lehramt hat Linda Eich den direkten Vergleich, kennt anonyme Vorlesungen mit 300 Zuhörer*innen genauso wie Anstehen zu Sprechzeiten von Dozierenden. Die Schwierigkeit des Filmstudiums ist eine andere: „Ich sage den Studierenden nicht, was sie tun sollen“, so Professor Stephan Sachs. „Wir gehen durch die harte Schule des Sachsschen Experimentalfilms“, ergänzt Nina Hartmann verschmitzt. „Wenn man die technischen Grundlagen draufhat, ist Film eine wunderbare Form, um sich auszudrücken. Wir bekommen keine Restriktionen aufgezwungen, dürfen unsere eigene Filmästhetik entwickeln. Stephan beurteilt die Arbeiten nicht nach seinem Geschmack, sondern nach Güte.“ Uneinigkeit und Diskussionen sind erwünscht, im Filmkolloquium, wenn die Studierenden ihre Filmprojekte einander vorstellen, aber auch auf der Berlinale. Während Stephan Sachs die „konventionelle Form“ des zuvor gesehenen Films „Weitermachen Sansoucci“ als gewollt anerkennt, findet Nina Hartmann daran Anstoß. Linda Eich wiederum freut sich, auf dem Festival, das eher auf Dramen und gesellschaftspolitischen Film fokussiert, auf eine humorvolle Perle gestoßen zu sein.

Mehr als nur Zuschauer*innen

Dass die Filmklasse beim „Baltic Motion“-Empfang zur Berlinale auch ihre eigenen Arbeiten präsentieren durfte, fällt im Gespräch nahezu unter den Tisch. Die aktuelle DVD ihrer Werkschau brachte die Studierenden in der schleswig-holsteinischen Landesvertretung mit anderen Künstler*innen und Fachleuten ins Gespräch. „Manche waren überrascht, dass an der Muthesius noch 16-mm-Film unterrichtet wird“, kommentiert Linda Eich. Obendrauf verkaufte sich das schöne Stück, dessen Design (Teresa Döge und Björn Schmidt) der „Type Directors Club New York“ zuvor mit dem „Certificate of Topographic Excellence“ ausgezeichnet hatte, auch noch gut. Nicht nur auf der DVD, sondern auch in vielfältigen Ausstellungsformaten lässt sich immer wieder in die Arbeit der Filmklasse hineinschauen. Um z.B. Nina Hartmanns Installationen aus Filmen und Objekten zu erleben, reicht ein DVD-Player nicht aus. Neben Augen und Ohren spricht das Aufschütten von Erde oder auch Schweinedarm mehr Sinne an. „Wenn das Publikum dann die eigene Arbeit rezipiert und etwas ganz anderes reinlegt, als man erwartet hatte, entwickelt man sich auch selbst weiter.“

„Wo kann man sonst so kompakt so viel Input sammeln?!“

Wer einmal auf der Berlinale war, will immer wiederkommen. Ob nun wegen eines Autogramms vom Lieblingsstar, wegen der Empfänge und Premierenparties oder, ganz einfach, wegen der Filme. „Das Festival macht süchtig. Man vergisst die Außenwelt. Wo kann man sonst so kompakt so viel Input sammeln?!“, resümiert Linda Eich. Auch von der Filmklasse will man eigentlich gar nicht mehr weg. Aber, der nächste Film ruft, das nächste Filmfest auch: Die „Contemporary Art Ruhr“ ist der kommende Halt für die Filmstudierenden, im April dann das „European Media Art Festival“ in Osnabrück. Die Jahresausstellung der Kunsthochschule in Kiel, „Einblick / Ausblick“, überschneidet sich zum Glück nicht mit einem Filmfestival …

 

Text und Fotos: Anna Siebert

Auf dem Titelbild:
 die Autogrammjagd auf Schauspielerin Charlotte Rampling am roten Teppich,
Galeriebild 3 zeigt Nina Hartmann (l.), Linda Eich und Stephan Sachs beim Durchforsten des Festivalprogramms und auf Bild 4 ist Festivaldirektor Dieter Kosslick mit Anna Siebert vom Muthesius Transferpark zu sehen.

14.03.2019

Muthesius Transferpark – Gestaltungsraum für Innovation

Der Muthesius Transferpark ist das Kompetenzzentrum der Kunsthochschule. Mit ihrem speziellen Wissen und ihrer Perspektive sind Gestalter, Designer, Raumstrategen und Künstler Impulsgeber in jedem Innovationsprozess. Ganz gleich, ob es dabei um Produkte, Diskurse oder Veränderungsprozesse in Unternehmen, Institutionen oder in der Gesellschaft geht. Weil Transfer immer auch etwas mit Perspektivwechsel zu tun hat, haben wir bewusst Räume außerhalb der Kunsthochschule bezogen: In Haus 1 auf dem Anscharcampus gehören wir zum jungen Kreativquartier in Kiel-Wik.

Transfer ist keine Einbahnstraße: Wir sorgen für den Austausch und für Kooperationen mit Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Mit unseren speziellen Projekt-, Veranstaltungs- und Qualifizierungsformaten verknüpfen wir die Kompetenzen aus verschiedenen Welten. Dabei verstehen wir uns auch als Übersetzer für ein breiteres Verständnis von Design und Gestaltung. Denn hervorragendes Design ist viel mehr als ein Produkt. Es ist ein offener Prozess. Eine Methode, die den Anspruch an höchste Qualität ebenso braucht wie den Mut zum Scheitern, Verwerfen und wieder neu Losgehen – und die gerade darum besonders gut dazu beitragen kann, dass Innovationsvorhaben gelingen. Dass wir dies anbieten können, ist in Schleswig-Holstein etwas ganz Besonderes, denn wir sind die einzige Kunsthochschule im Land.

Transfer heißt bewegen, verändern, umsetzen

Lehrende und Studierende entwickeln jedes Semester Fragestellungen zu den aktuellen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Themen, sie erforschen und entwerfen Lösungen. In unserem Innovationslabor auf dem Anscharcampus können Entwürfe vertieft, weitergedacht und umgesetzt werden – als Transferprojekte in allen Themenfeldern, zu denen an der Kunsthochschule, auch interdisziplinär, gelehrt und geforscht wird. Dazu zählen Medical Design/Health Care, Demografie, Mobilität, Nachhaltigkeit/Klimaschutz, Digitalisierung, Wissenschaftskommunikation, Produktion der Zukunft, Zukunft der Innenstadt,

Zum Innovationslabor gehören Arbeitsräume sowie eigene Werkräume. Ausgestattet als moderne Werkstatt ist hier Raum für den Transfer von Ideen und Modellen in umsetzbare Strukturen. Wir beraten und begleiten Projektteams dabei, ihre Entwürfe zu hinterfragen, Gedanken zu vertiefen, mit Material zu experimentieren. Die Werkräume sind zugleich Vernetzungs- und Austauschraum. Experten können hier die Fachkenntnisse ihres Gebietes mit anderen teilen und sich austauschen. Dies ermöglichen wir in wiederkehrenden Gesprächs- und Tüftelrunden zu bestimmten Themen, Materialien oder Werkzeugen als auch mit Fachvorträgen. Für Workshops und größere Veranstaltungen nutzen wir die neu eingerichteten Seminarräume in Haus 1.

Hintergrund

Der Muthesius Transferpark wurde zum 1. April 2017 zunächst für fünf Jahre als Kompetenzzentrum bewilligt. Gefördert mit Mitteln der EU und des Landes Schleswig-Holstein, haben wir im Sommer 2017 unsere Arbeit aufgenommen. Wissenschaftliche Leiterin unseres interdisziplinären Teams ist Dr. Inge Schröder, Prof. Dr. Bettina Möllring leitet das Projekt auf Seiten des Präsidiums der Kunsthochschule. Die Koordinatorinnen Anke Müffelmann und Susanne Kollmann verantworten Innovationslabor, Öffentlichkeitsarbeit und Vernetzung sowie Qualifizierung und Internationalisierung. Die Werkräume liegen in den Händen von Tobias Gehrke, Susanne Martens ist zuständig für Finanzen und Personal. Projektpartner des Transferparks sind die Kieler Wirtschaftsförderung GmbH und die Anschar Kultur- und Kreativwirtschaft GmbH.

Weitere Fragen?
Dr. Inge Schröder
schroeder@muthesius.de
T +49 (0)172 420 230 8